Notizen
Ein Satz
Zwischen “Dazwischen” und einem wahren Satz
An nebligen Herbsttagen sehe ich den Wald gegenüber meinem Dachgeschossfenster nur als Silhouette. Ein Anblick, der erstaunlich gut zu meiner Gedankenwelt passt. An nebligen Tagen gibt es kein klares Bild, ich weiß nur vom Tag davor, dass gegenüber der Wald ist, in dem ich immer spazieren gehe. Sobald ich mich anziehe und aus dem Haus in Richtung Wald gehe, wird er wieder real. Hier ist es nicht mehr so behaglich, wie in meinem beheizten Zimmer. Zwischen den Bäumen ist es beengend. Ich versuche nicht zu stolpern oder an einem abgestorbenen Ast hängen zu bleiben, während ich über den moosigen Boden wackle. Es ist anstrengend, über Bäume zu steigen, die der Sturm der letzten Nacht umgeworfen hat. Manchmal sehe ich nicht, was hinter dem Baum ist, über den ich gerade steige. Der dicke Stamm und die dicht bewachsenen Äste versperren mir die Sicht. Ich fühle mich beobachtet, auf meiner Suche nach dem Weg. Ich wandere im Kreis, und merke an markanten Bäumen, dass ich hier schonmal war. Erschöpft setze ich mich auf einen alten Baumstamm. Früher stand hier ein großer Baum. Unübersehbar. Nach einem der letzten Stürme, bleibt nur noch der Stamm als Erinnerung.
In welche Richtung ich weiter gehen soll und woher ich gekommen bin, ist mir unklar. Gerade ist das auch nicht relevant. Ich muss meine Unruhe akzeptieren und weiter nach einem Weg suchen. Beharrlich und unbeirrt, irre ich durch das Gestrüpp.
Ein Weg. Ich weiß zwar nicht wohin dieser Weg führt, aber auf einem Weg zu gehen ist einfacher als durch das Unterholz zu kriechen. Der Weg ist ausgetreten und führt zum Waldrand. Nicht die Seite, von der ich gekommen bin, aber das ist auch egal. Hauptsache ich kann durchschnaufen, komme voran und fühle mich nicht eingeengt zwischen all den Bäumen.
Am Waldrand vermisse ich die Enge zwischen den Bäumen. Durch das ziellose Umherirren ist die Nähe der Bäume ein Teil von mir geworden. Hier auf dem Weg ist es mir zu leicht. Ich komm zwar schneller vorwärts, aber es fühlt sich langweilig an. Ich entdecke nichts und gehe einen Weg, den vor mir schon so viele gegangen sind.
Einen Satz zu schreiben, der wahr und vollständig ist, fällt mir erstaunlich schwer. Nicht, weil mein Wortschatz eingeschränkt ist, sondern weil ich es selber nicht lesen will. Sobald ich einen Satz geschrieben habe, wird er real, fast greifbar.
Es fühlt sich für mich genau so an: Wie ein Spaziergang durch einen Wald, den ich kenne, aber neu entdecke. Es ist solange befremdlich, bis ich es mir leicht mache mit Sätzen wie “ich bin gerade dazwischen”. Ich bin nicht dazwischen. Mir ist absolut klar, wo ich bin, aber gleichzeitig will ich da nicht sein. Meine Gefühle gehen in viele Richtungen gleichzeitig. Ein einziger Satz kann das nicht ausdrücken. So bleibt mir nur solange unvollständige Sätze zu schreiben, die wahr sind, bis sich daraus ein ganzer Wald an Sätzen ergibt, in dem ich mich zuhause fühle.
Mir fällt auf, dass ich bei meinen Spaziergängen eigentlich nie durch das Unterholz stapfe. Höchstens an der einen Stelle nach der kleinen Kapelle, gehe ich kurz 10 Meter neben dem Weg auf einer Moosfläche. Mehr Unterholz will ich mir und meinen Klamotten nicht antun, denn meine Spaziergänge sind immer zwischen meinen Aufgaben.
Die Gedanken, die ich erkunden will, kommen nie, wenn ich gerade Zeit habe. Die Gedanken kommen dann, wenn ich mit meiner guten Hose und den neuen Schuhen nur kurz draußen bin und keine Zeit für das Unterholz habe. Den wahren und vollständigen Satz werde ich wohl nie schreiben, aber langsam verstehe ich meinen Gedankenwald. Es wird Zeit, dass ich meine neuen Klamotten daheim lasse und mit meiner alten Hose und dem abgetragenen Pulli das Unterholz erkunde. Solange bis ich einen Weg finde, den ich noch nicht gegangen bin.