Notizen
Das Dachgeschoss
Zwischen Erinnerung und Weitblick
Ich sitze gerade im Dachgeschoss unseres Hauses. Der Raum hat eine massive Dachschräge von beiden Seiten, sodass ich mit meinen 1,86 m nur in der Mitte des Raumes aufrecht stehen kann. Seit Jahren komme ich in diesen Raum, wenn ich mich einsam oder verloren fühle. Die Kombination aus der Dachschräge mit dem Teppichboden, den komplett vollgestopften Bücherregalen und einem Plattenspieler aus den 90ern gibt mir das Gefühl einer Umarmung. Geborgenheit aus Architektur und Erinnerung. In großen Räumen fühle ich mich oft verloren. Große Räume sind leer und alles ist weit weg. Man kann alles machen, sich ausbreiten, Dinge, die man nicht braucht, in Ecken ablegen, die man lange ignorieren kann. Man verliert den Überblick. Hier in diesem kleinen Dachgeschoss ist alles so nah und voller Erinnerung. Alles ist näher bei mir und auch ich spüre, dass ich näher bei mir bin.
Früher war ich hier nur “Gast”, offiziell gehörte der Raum erst meiner Mutter. Es war ihr Kreativraum und vielleicht auch ihr Rückzugsort. Danach schlief hier bis zu seinem Tod mein Vater in einem selbstgebauten Bett. Alle Fotos meiner Eltern sind in diesem Raum in Fotobüchern einsortiert.
Ich brauche diese Nähe zu meinen Wurzeln gerade, bin ich doch dabei, mein eigenes Leben ziemlich rigoros umzukrempeln. Ich könnte losstürmen, alle Zelte radikal abbrechen, mich auf eine Reise begeben, in eine neue Stadt ziehen und Distanz zwischen mich und meine Vergangenheit bringen. Stattdessen ziehe ich mich an den Ort zurück, an dem mehrere Leben in einem Raum zusammenkommen. Ich suche nach Ruhe und Rückhalt in der Vergangenheit. Leider ist mir Aufbruch nicht in die Wiege gelegt worden. Kraft ziehe ich nicht aus plötzlichem Aktionismus, sondern aus der Gewissheit, dass Veränderung auch immer einen gewissen Teil Vergangenheit beinhaltet. Man nimmt sich selber mit auf seinen Wegen.
Jetzt ist dieses Dachgeschoss mein Startpunkt für einen neuen Abschnitt in meinem Leben. Ich hätte auch weiter in meinem Tonstudio arbeiten können. Den Studioraum umgestalten und mehr an meine neuen Bedürfnisse fürs Lesen, Lernen und Schreiben anpassen können. Mehrmals hab ich mir dafür ein Konzept überlegt, aber richtig stimmig hat sich nichts angefühlt. Ich bin noch nicht bereit, den Raum, mein Tonstudio, in dem ich die letzten acht Jahre alle Höhen und Tiefen meines beruflichen Lebens erlebt habe, neu zu gestalten. Hier fühlt sich meine “alte” Persönlichkeit intakt an. Wenn ich jetzt alles neu gestalte, ist die Person “René Jesser - Toningenieur” weg. Kein Abschiedsbrief, nicht mal ein Update auf meiner Instagram-Page, weil ich immer noch vom Mischen lebe. Nur ich weiß, dass diese Veränderung für mich fundamental ist. Also lass ich mein Tonstudio erst einmal so, wie es ist. Von Zeit zu Zeit schlüpfe ich in die alte Rolle “Toningenieur” und spüre dabei alles was mich jahrelang so sehr fasziniert hat und weiterhin fasziniert. Gleichzeitig bin ich froh, wenn ich meinen Mix gemacht habe und ich merke wie die Last und der Stress der letzten Jahre wieder abfallen, wenn ich die Türe hinter mir schließe.
Veränderung fällt mir schwerer als ich zugeben möchte. Zu wissen, dass sie notwendig ist, macht es nicht leichter. Vielleicht ein wenig erträglicher, aber nicht leicht. Ich werde mein Tonstudio erstmal so lassen, wie es ist. Im Dachgeschoss finde ich zwischen Erinnerungen und dem weiten Blick über die Stadt heraus, was als nächstes ansteht.