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Notizen

Symmetrie

“René, Symmetrie ist die Perfektion der Einfallslosen”

…sagte vor mittlerweile 12 Jahren ein Kollege bei einem Aufbau eines Musikfestivals zu mir. Wir waren gerade dabei die Lampen und Traversen in das Bühnendach der Mainstage zu hängen, als ich etwas verwirrt fragte, ob er sich sicher sei bei der Platzierung der Lampen. Die Platzierung würde etwas asymmetrisch auf mich wirken, war damals mein Bedenken. Der Kollege, der auf den verdächtig symmetrischen Spitznamen “TomTom” hört, entgegnete daraufhin nur “René, Symmetrie ist die Perfektion der Einfallslosen” und fuhr munter fort seine Leuchten, meiner Meinung nach, absolut wahllos zu verteilen. Gegen Abend verstand ich dann, was TomTom mir sagen wollte. Ich sah eine Lightshow, die mich zum ersten Mal richtig geflashed hat. Keine Leuchte wirkte mehr wahllos oder chaotisch, alles schien Sinn zu machen. Sogar so viel Sinn, dass zwinkernde Augen aus bewegtem Licht, dem Publikum entgegen strahlten.

Gerade jetzt ist aus meiner Sicht die richtige Zeit, um sich nochmal mit TomToms Devise auseinanderzusetzen. Wir leben in einer Zeit, in der immer mehr menschliches “Chaos” durch aalglatte maschinelle Gedanken und Inhalte ersetzt wird. Ich möchte mich da selber nicht ausnehmen. Die Anwendung in der ich diesen Text tippe, hat mir ein LLM programmiert. Doch je einfacher mir künstliche Intelligenz den Alltag macht, desto mehr merke ich, dass ich das unberechenbare Menschliche haben will. Ich mag die Fehler, die entstehen, die Kommunikation zwischen zwei gleich oder anders Gesinnten, die Verwirrung und auch die Verzweiflung. Ich mag, dass ich mich schwer damit tue, neue Dinge zu lernen und dafür extrem viel Zeit brauche. Das hier, also dieser Text, den ich gerade schreibe, ist dafür das beste Beispiel. Schreiben ist neu für mich. Gedanken in Worte fassen, überarbeiten, löschen und die Sinnhaftigkeit des Ganzen anzweifeln fällt mir alles andere als leicht. Jedes Mal, wenn ich es doch wieder schaffe, einen Text fertig zu schreiben auf diesem Blog zu veröffentlichen bin ich stolz. Das gibt meiner Erfahrung einen Wert, der nicht nur in Geld bemessen werden kann. Ein “Ich”, also mein “Ich”, entsteht durch diese Mühe, Versuche und harte Arbeit, aber auch durch die Freude, die ich empfinde, während ich etwas neues lerne.

Ich glaube, es hat einen Grund, dass wir den Fuchsbau der Weasleys in Harry Potter als gemütlich empfinden. Nichts daran ist perfekt, aber alles daran ist menschlich chaotisch und das obwohl sich die Weasleys jederzeit ein perfektes Haus zaubern könnten. Wir können in ihrem Haus ihre Persönlichkeit erkennen und bekommen einen Zugang zu ihrer Welt. Ein Haus, das ständig erweitert und geflickt wurde. Wahrscheinlich kein solides Fundament hat und voller knarzender Treppenstufen ist. Ein Haus ohne richtige Uhr, aber mit einem riesigen Garten und jeder Menge Gerümpel. Ein Haus, das vor allem auch ein Treffpunkt ist für die Weasleys und die Freunde ihrer Kinder. Acht Hexen und Zauberer entscheiden sich, lieber in kleinen angedockten Zimmern zu schlafen mit einem Ghul unter ihrem Dach, als sich ein perfektes Zuhause in Sekunden herbeizuzaubern. Natürlich ist das Universum von Harry Potter eine Fantasiewelt mit eigenen Regeln, aber ich finde, wir sollten das trotzdem auf uns wirken lassen. Auch wir können mittlerweile “zaubern”. Wir sagen einer KI, was wir brauchen und bekommen das perfekt gerundete Mittelmaß von Dingen, die wir selbst nie gelernt haben und für die uns jede Fähigkeit fehlt. Kein Widerstand, lediglich etwas Wartezeit. Was wir dabei verlieren, ist unser eigener Blickwinkel und die Einladung an die anderen, unsere Ecken und Kanten kennenzulernen. Nicht weil es notwendig ist, sondern weil es uns bereichert, ein Zuhause erschafft und einen Mehrwert bietet.

Ich will, keine Welt in der ich meine Fähigkeiten an eine Maschine abgebe, die alles besser kann und effizienter macht als ich. Selber denken, Fehler machen, mich austauschen, dazulernen, und verbessern - das ist für mich menschlich und ein wichtiger Teil, der mich ausmacht, auch wenn es manchmal nervt.

Bis heute ist mir unklar, ob TomTom den Satz einfach nur salopp daher gesagt hat oder ob das wirklich seine tiefe Überzeugung ist. Der Satz hat sich bei mir eingebrannt und ich werde wohl auch weiterhin darüber nachdenken.