Notizen
Langsam geht es zu Ende
Was bleibt, wenn der eigene Vater an Krebs erkrankt?
Das Schlimmste an der Krebserkrankung meines Vaters war für mich nicht der Gedanke an den “Tod”, der sich wie selbstverständlich im Hinterkopf einnistet. Zu sehen, wie ein geliebter Mensch jeden Tag ein bisschen Hoffnung und Kraft verliert, das hat mich getroffen.
Im Fall meines Vaters bestand nie Hoffnung auf Heilung. Es hieß von Anfang an: “Wir können das Unvermeidbare nach hinten schieben, aber Heilung ist zum jetzigen Zeitpunkt ausgeschlossen”. Die Diagnose “Leukämie” ist jetzt sechs Jahre her und sein Tod vier Jahre.
Vier Jahre nach dem Tod meines Vaters probiere ich zum ersten Mal, meine Gedanken und Gefühle, die ich während dieser Zeit hatte, in Worte zu fassen. Früher hätte ich mich nicht getraut, diese Phase in meinem Kopf Revue passieren zu lassen. Selbst wenn, hätte ich nichts schreiben können. Ich habe und hatte jede Menge Emotionen in mir, die sich für mich nur schwer in Worten ausdrücken lassen.
Wie bei einem kleinen Jungen war mein Vater für mich mein persönlicher Held. In Kindertagen, weil er alles bauen konnte, was ich zum spielen gebraucht habe, und super stark war. Als Erwachsener, weil mein Vater nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass er nicht alles weiß und fehlerhaft war. Trotzdem oder gerade deswegen war er immer bereit, mit mir auf Augenhöhe zu sprechen, hat mir seine Sicht der Dinge geschildert und den Fernseher auch bei seinem Lieblingsfilm ganz automatisch stumm geschalten, wenn ich über etwas sprechen wollte. Mehr als einmal hab ich mitten in der Nacht von der Autobahn aus auf meiner Heimfahrt angerufen. Ich war müde und brauchte jemand, mit dem ich mich unterhalten konnte, damit ich nicht einschlafe. Mein Vater hat ganz selbstverständlich mit mir telefoniert. Nicht nur, weil er wollte, dass ich sicher nach Hause komme - ihn hat auch interessiert wie das Konzert war von dem ich gerade heimfuhr.
Mir war immer bewusst, wenn ich irgendein Problem habe und die Hilfe meines Papas brauche, dann wird er alles tun, um mir zu helfen. Das habe ich nie infrage gestellt. Diese Selbstverständlichkeit macht ihn, auch heute noch, zu meinem persönlichen Held.
Anfang 2020 kam dann mitten in der Corona-Pandemie die Krebsdiagnose. Chemotherapie und Krankenhausaufenthalte folgten. Wegen der starken Beschränkungen waren Besuche auf der Krebsstation zunächst zu Recht schwierig.
Nach sechs Wochen kam mein Vater wieder nach Hause. Sichtlich geschwächt, aber gut gelaunt. Das Foto mit seinem ersten Bier, als er wieder daheim war, steht immer noch im Hauseingang als Andenken.
Ich mag gar nicht so genau auf den Verlauf der Erkrankungen eingehen. Für mich war das Schwierige, mir einzugestehen, dass mein Vater früher oder später sterben wird. Ich konnte mir das zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen. Wahrscheinlich hat mir trotz meiner 26 Jahre einiges an Reife gefehlt, um mit diesem Gedanken umzugehen. Nicht nur das Thema “Tod” hat mir zugesetzt, sondern auch, dass mein Vater langsam schwächer wurde. Nicht von jetzt auf gleich, sondern schleichend. Er hat weniger gegessen, die Tabletten mit etwas zu viel Bier heruntergespült und viel Zeit auf der Couch verbracht. Mehr als einmal wollte ich ihn zu einem Spaziergang motivieren oder habe angemerkt, dass Alkohol bei starken Medikamenten wahrscheinlich nicht die beste Idee ist. “René, das ist mein Leben” war sein Satz dazu. Damit hatte er recht. Das tragische an Krebserkrankungen ist dieser langsame Verfall, sowohl körperlich als auch mental. Mein Vater, mein ganz persönlicher Held, wurde immer weniger. Unaufhaltsam. Auf die unangenehmste Art, die man sich vorstellen kann. Pläne, die meine Eltern noch zusammen hatten, konnten nicht mehr stattfinden.
Ich habe dabei zugeschaut, wie mein Vater sein letztes Kapitel gelebt hat. Wie er probiert hat, positiv zu bleiben, und wie es irgendwann nicht mehr ging. Wie er vom stärksten Mann der Welt zu Haut und Knochen wurde. Ich konnte nichts dagegen tun, außer anzunehmen, dass es unvermeidbar ist. Mir blieb, die Gespräche und seine Gegenwart zu genießen.
Nach zwei Jahren Krankheit war es dann so weit, dass ich ein letztes mal mit meinem Papa gesprochen habe. Es war ein unverblümtes, ehrliches Gespräch zwischen zwei Erwachsenen. Vater und Sohn, aber auch zwei Freunde, die sich aussprechen und voneinander verabschieden. Mir bleiben viele Erinnerungen an meinen Papa, der mich so stark geprägt hat. Er hat mir vieles über das Leben beigebracht. Nicht nur durch Gespräche, sondern mit seiner Art. Er hat mir gezeigt was aufrichtig und authentisch sein bedeutet, dass ich Fehler machen darf und ich mich dafür entschuldigen kann, dass Leben mehr ist als Arbeit und nichts wertvoll ist ohne gute Freunde, mit denen man ein Bier trinkt.