Notizen
Dazwischen
Manchmal ist man dazwischen. Zwischen den Jahren, zwischen zwei Jobs oder, wie in meinem Fall, zwischen zwei Lebensphasen: Weniger Musik und dafür mehr Psychologie bzw. Studium, zwischen selbstständigem Experte und Neuanfänger. Der Wechsel fühlt sich oft eigenartig an, zumindest für mich. Ich reduziere mischen und Musik machen, obwohl das die letzten 14 Jahre jede Faser meines Seins war. Gleichzeitig frage ich mich, ob das die richtige Entscheidung ist. Im nächsten Moment sitze ich grinsend vor meinem Laptop, weil ich mir sicher bin, dass meine neuen Ideen funktionieren werden. Mehr als einmal wöchentlich pulsiert mein Kopf, weil Gedanken tagelang in Dauerschleife ohne Fortschritt wiederholt werden. Und dann, gefühlt aus dem nichts, stoße ich mit mir selber an (unalkoholisch versteht sich), weil ich mich in meinem neuen Studiengang eingeschrieben habe und merke wie neuer Wind in meine etwas durchhängenden Segel kommt.
Diese Emotionen existieren alle gleichzeitig. Manchmal dominiert die Wehmut, manchmal dominiert die Freude. Aber egal, welche Emotion gerade den Ton angibt, im Hintergrund rauscht dieses Meer an Gedanken und Emotionen weiter. Manchmal in weiter Ferne und ganz oft super nah. Diese Ambiguität fordert mich.
In meinem ersten Studium (Bildungswissenschaften) wurde uns nähergebracht, dass Ambiguitätstoleranz zentral ist. Im Kontext des Studiums ging es darum, verschiedene Theorien zum selben Thema gleichzeitig annehmen und diskutieren zu können, ohne die Widersprüche auflösen zu müssen. Es ging darum, diesen Zustand des „sowohl als auch“ anzunehmen und trotzdem handlungsfähig zu bleiben.
Jetzt merke ich, dass Ambiguitätstoleranz auch außerhalb der Universität ein Konzept ist, das mir weiterhilft und auf eine Art auch Trost spendet. Ich genieße die guten Tage und versuche an den schlechten Tagen weiterhin handlungsfähig zu bleiben und mich nicht von dem Dazwischen übermannen zu lassen.
„Dazwischen“ sein beinhaltet auch, einen neuen Standpunkt zu alten Themen oder Meinungen einzunehmen. Ich neige zu sehr harten Trennungen. Wie in einer Beziehung, will ich dann erstmal nichts mehr von einer Sache wissen. Ich möchte mich distanzieren und herausfinden, wie mein Leben ohne diese Sache, die ich hinter mir lassen will, ist. Mittlerweile habe ich gelernt, dass nicht alles, was man hinter sich lässt, schlecht oder unbrauchbar ist. So versuche ich mittlerweile statt einem harten Cut eher einen neuen Zugang zu alten Themen zu finden. Was früher ein Job war, der mir die Welt bedeutet hat, wird zu einem Hobby, das mir immer noch Freude bereitet, aber nicht mehr die existentielle Notwendigkeit in sich trägt. Ich entdecke vielleicht alte Hobbies und Ideen wieder, die ich früher verdrängt habe, und mache daraus etwas Neues. Auch zwischenmenschliche Beziehungen entwickeln sich automatisch weiter oder fallen vielleicht auch weg. Mir ist wichtig, dass „dazwischen sein“ ein „sowohl als auch“ ist und nicht wie früher ein „entweder oder“.
„Dazwischen sein“ bedeutet für mich die Freiheit zu haben, mein Leben Stück für Stück neu zusammenzusetzen.
Nicht wie ein Puzzle, das am Ende ein vorgefertigtes Bild ergibt. Eher wie ein Mosaik, das man freilegen kann und dann passend verfugt.
Aus den Formen der Steine wird erst in der Betrachtung des ganzen Kunstwerkes wieder etwas Sinnvolles. Es bedeutet, mich auszuprobieren und ein neues Verständnis für mich und meine Umwelt zu entwickeln.
Ich gehe davon aus, dass ich noch eine ganz schön lange Zeit in diesem „Dazwischen“ sein werde. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich erkenne, wann ich nicht mehr „Dazwischen“ bin. Mir ist auch nicht klar, ob man heutzutage mit all den Möglichkeiten, die man so hat, jemals nicht in einer Übergangszeit ist. Aus philosophischer Sicht ist man wohl immer in einem Veränderungsprozess. Aus bildungswissenschaftlicher Sicht sollte man irgendwann mit dem Moratorium der Adoleszenz fertig sein und als Erwachsener einen Teil der Gesellschaft darstellen. Ich bin mir nicht sicher, wo ich mich selber momentan verorten würde, wahrscheinlich irgendwo dazwischen.