Notizen
Das weiße Stück Wand
Die letzten Tage haben mich ein wenig eingeholt. Vielleicht haben mich die letzten Tage auch ein wenig überholt. Das ist stand jetzt unklar. Fakt ist, dass ich seit 20 Uhr in meinem Bett sitze und apathisch auf das weiße Stück Wand zwischen meiner Tür und meinem Bücherregal schaue. Zeit vergeht, aber wirklich mitbekommen tue ich es nicht. Die Erschöpfung die sich die letzten Tag angedeutet hat, hat mich komplett in ihrem Griff. Wie eine Würgeschlange hat sich die Erschöpfung erst langsam um mich gewickelt und ist jetzt kurz davor mich zu ersticken. Gut, das war jetzt ein bisschen melodramatisch. Dazu neige ich, wenn ich nicht mehr genügend Energie habe um meine inneren Filter aufrechtzuerhalten. Mir ist unklar, wie es genau dazu kam, dass ich derartig erschöpft bin. Nicht dieses “ich bin ein bisschen müde”, sondern dieses tiefe ausgelaugt sein. Emotionen sind zwar noch vorhanden, aber sie werden aus Gründen der Energieeffizienz kaum externalisiert. Hungergefühl existiert zwar noch, aber der Gedanke aufzustehen und sich um Essen zu kümmern scheitert daran einen Fuß vor den anderen zu setzen. Keine Kraft, kein Interesse. Meine Gedanken driften ab, während ich auf das weiße Stück Wand zwischen Tür und Bücherregal starre. So bunt hatte ich meine Bücher garnicht in Erinnerung. Seit wann hab ich eigentlich so viele Postkarten mit Kalendersprüchen in meinem Regal?
Mittlerweile sind drei stunden vergangen, seit ich auf mein Hochbett geklettert bin. Eigentlich wollte ich einen Film anschauen, aber ich kann mich nicht motivieren und so schau ich immer noch auf das weiße Stück Wand zwischen Tür und Bücherregal. Kommt meine Energie von alleine zurück oder muss ich dafür aktiv etwas tun? Leider ist das ein Henne-Ei Problem und so einige ich mich mit mir darauf, dass ich heute am besten nichts mache, bevor ich etwas falsches mache. Das wussten schon Kraftklub in ihrem Song “Drei Schüsse in die Luft”. Mir ist nicht nach schießen zumute. Weder in einem PC-Spiel, noch in Gedanken um meinem Frust Luft zu verschaffen. 24 Uhr - ich sitze immer noch apathisch auf meinem Hochbett und starre auf das weiße Stück Wand zwischen Tür und Bücherregal. Vielleicht waren die letzten Jahre zu viel. Zu viel Emotionen, zu viel Panik, zu viel Tod, zu viel Ambition, zu viel Hoffnung, zu viel Trauer, zu viel von allem was ein Leben ausmacht. Zu viele Dinge parallel gemacht, weil die Zeit nicht gereicht hat um sich mit nur einer Sache zu beschäftigen. Ich frage mich, wie man dieses zu viel wieder reduzieren kann, ohne dass es zu wenig wird. Ich kann nicht mehr zu wenig machen. Ich habe mich an zu viel gewöhnt. Der Gedanke an zu viel raubt mir meinen letzten Nerv, aber zu wenig lässt mich in Untätigkeit erstarren. Langsam bedrückt mich das weiße Stück Wand, erst jetzt fällt mir auf, dass ein weißes Stück Wand zu wenig ist um sich vier Stunden damit aufzuhalten. Mein Handy vibriert auf meinem Kallax-Regal, ein Lebenszeichen aus einer Welt die für vier Stunden gedämpft war. “Gute Nacht und schlaf Gut!” Eine einfache Nachricht, aber damit kehrt so etwas wie Hoffnung zurück. Heute ist vorbei, aber morgen kann ich wieder ein bisschen was machen und versuchen, das Wenige mehr zu genießen.