Notizen
Gedankenwelten die Welten entfernt sind von tiefen Gedanken
Sind meine Gedanken wirklich inspiriert und tief oder red ich mir das nur ein?
Letztens bin ich meiner abendlichen Schreibroutine nachgegangen. Mein Ziel ist es, jeden Abend zumindest ein paar Sätze zu schreiben, dabei will ich entweder einen Gedanken zu “Papier” bringen oder eine bestimmte Schreibtechnik vertiefen. An jenem Abend war mein Ziel, einen Blogbeitrag darüber zu schreiben, warum ich die Nacht toll finde. In meinem Kopf hat sich eine ausladende Welt voller kleiner Gedankenfetzen aufgetan, ich war gespannt darauf, alles aufzuschreiben.
Also begann ich zu schreiben: “Die Nacht ist mein Zufluchtsort. Die Stille nimmt mir die Unruhe des Alltags, ich komme zu mir und kann mich fokussieren. Fokussieren auf die ganzen Themen, die tagsüber liegen geblieben sind”. Gefühlt habe ich ein überlanges Wandtattoo geschrieben, das in einer Münchner Altbauwohnung eines Hedgefonds-Ehepaares hängen könnte. Gedanken die jeder halbwegs talentierte Musiker mindestens einmal in einen Songtext packen wollte. Belanglos und nicht mal halb so tiefgründig, wie ich mir das Ergebnis erhofft hatte.
Ich würde von mir behaupten, dass ich (leider) zu viel nachdenke. Ständig sind irgendwelche Gedanken zu unterschiedlichen Themen in meinem Kopf. Arbeit, Selbstständigkeit an sich, Beziehung, Freundschaft, Sport und natürlich ganz viele Gedanken über mich. Wie wirke ich? Was kann ich verbessern? Sollte ich nicht doch mehr trainieren für einen Sixpack? Ist Auswandern realistisch?
Durch das viele Denken über größtenteils nicht akut relevante Themen kam bei mir schon vor längerer Zeit das Gefühl auf, meine Gedanken wären besonders tief, besonders umfangreich, praktisch kurz vor einmalig und noch nie gedacht. Niedergeschrieben blieben all diese Gedanken aber oberflächlich. Tiefe kommt erst auf, sobald ich beim Schreiben versuche, weiter in das Gefühl, das die Gedanken erzeugen, einzutauchen. Ich merke, dass ich mich instinktiv sträube, die Emotionen, Träume und Reibungen so nah an mich heranzulassen. Gefühle und Wahrnehmungen in Worte zu packen, ist grundlegend nicht einfach. Besonders, wenn es um Themen geht, die einem wichtig oder zentral erscheinen. Manchmal fehlen mir auch die passenden Worte für all das, was in meinem Kopf passiert. Alleine jetzt all die Wortfetzen, die in meinem Inneren sind auf das Wort Gedanke zu reduzieren, fühlt sich hohl und falsch an. Wahrscheinlich würde es helfen, diese Wortfetzen, Bilder und körperliche An- oder Entspannung mit passender Musik zu unterlegen um mir und anderen den Umfang meines Innenlebens näherzubringen. Leider kann man Musik noch nicht an die Augenbewegung koppeln, so dass sich beim Lesen meiner Texte automatisch die richtige Musik an der richtigen Stelle abspielt. Also bleiben mir verkopfte Stilmittel und ein wachsender Wortschatz, um meine komplexe Welt in lesbare Texte mit einem eigenen Rhythmus, Klang und einer eigenen Atmosphäre zu verwandeln. Die Frustration, die dabei entsteht, kann ich nahezu greifen.
Ich musste mir eingestehen, dass ich mir zwar den ganzen Tag viele Gedanken mache, aber kein Gedanke wirklich so gut ausgearbeitet ist, dass ich ihn wirklich lesbar und damit auch verständlich machen kann.
So bleibt nur, der Tatsache ins Auge zu blicken, dass ich zwar viele Gedanken habe, aber nicht davon profitiere. So sind keine tieferen Erkenntnisse möglich. Ich denke nur des Denkens wegen, nicht um wirklich eine Lösung für Probleme oder Themen zu finden, die mich gerade beschäftigen.
Wahrscheinlich ist das auch nicht bei jedem Gedanken das Ziel. Idealerweise findet man neue Perspektiven zu Gedanken, die einen schon länger mal als dicke Wolke und mal als leichten Dunst begleiten. Ein tieferes Verständnis für das eigene Innenleben als “ist halt da und findet statt” habe ich mir trotzdem erwartet. Da kann und möchte ich aus meiner Enttäuschung keinen Hehl machen. Zu merken, dass meine Gedanken zwar Potential haben für ein tieferes Eintauchen, ich mich davor aber die meiste Zeit gedrückt habe, ohne es bewusst zu merken, fand ich dann doch irritierend und sehr frustrierend. Insgesamt ein recht ähnliches Gefühl zu einem Urlaub, den man sich lange erarbeitet hat, um dann vor Ort festzustellen, dass nichts den eigenen Erwartungen entspricht. Das Buffet beim Frühstück zu klein, die Leute zu nervig und die antiken Sehenswürdigkeiten sind überlaufen und sowieso eigentlich nur ein fader Steinhaufen.
Diese Erkenntnis geht gegen mein Selbstverständnis von vermeintlicher Tiefe und Introspektion. Fragen wie “Warum drücke ich mich davor, Gedanken wirklich zu erkunden? Habe ich die Mittel, um meine Gedankenwelt wirklich zu erforschen? Bin ich in der Lage, meine Erkenntnisse adäquat zu formulieren?” sind seitdem meine neuen täglichen Begleiter. Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich ein Fortschritt ist. Sind diese Fragen doch viel fundamentaler und erfordern eine radikale Ehrlichkeit mir selbst gegenüber.
Viele Gedanken stellen noch keine Tiefe dar. Tiefe Erkenntnisse kommen nicht durch viele Gedanken. Viel Grübeln macht einen nicht reflektierter als andere Menschen. Viele Gedanken sind so lange banal, bis man sich traut herauszufinden, woher der Gedanke kommt - Wandtattoo oder steckt doch mehr dahinter?